Was ist myosential® Yoga?

myosential® ist ein Kunstwort und verbindet die Begriffe myofascial und essential. Im Mittelpunkt dieser Yogaform steht die Arbeit mit den myofaszialen Verbindungen des Körpers.

Die Grundlage für die Entwicklung von myosential® Yoga bildet meine Ausbildung zur Myofascial Bodyworkerin. Ich durfte diese Arbeit unter anderem bei einem der führenden Faszienexperten, Tom Myers in Maine/USA, erlernen. Auch James Earls sowie weitere Ausbildungen im Bereich Myofascial Release haben meinen Weg geprägt.

Durch die Forschung und Arbeit von Tom Myers wissen wir heute, dass Muskeln und Faszien über bestimmte Ketten miteinander verbunden sind, die sich durch den gesamten Körper ziehen. Diese myofaszialen Linien beeinflussen unsere Haltung, Beweglichkeit und unser Körpergefühl.

Ein Beispiel dafür ist die oberflächliche Rückenlinie: Sie verläuft von der Fußsohle über die Rückseite der Beine, entlang des Rückens bis über den Kopf zur Stirn. Möchte man beispielsweise Spannungen im unteren Rücken lösen, kann es hilfreich sein, die gesamte Verbindung dieser Linie einzubeziehen.

Dieses Wissen bildet die Grundlage für den strukturellen Aufbau einer myosential® Yoga-Einheit und verbindet gezielte Faszienarbeit mit der achtsamen Praxis des Yoga.

“Für unser generelles Wohlbefinden brauchen wir vitale Faszien.”

Faszien – das verbindende Netzwerk unseres Körpers

In myosential® Yoga steht die Myofaszie im Mittelpunkt – das fasziale Gewebe, das unsere Muskeln umhüllt und mit ihnen verbunden ist. Faszien bestehen aus kollagenhaltigem Bindegewebe und umgeben nicht nur Muskeln, sondern auch Sehnen, Bänder, Organe und Knochen. Sie durchziehen den gesamten Körper, verbinden seine Strukturen miteinander und tragen wesentlich zu Stabilität, Beweglichkeit und Körperwahrnehmung bei.

Lange Zeit wurde die Bedeutung der Faszien in der Forschung wenig beachtet. Heute wissen wir, dass sie reich an Sinnesrezeptoren sind und eine wichtige Rolle in der Wahrnehmung unseres Körpers spielen. Diese Rezeptoren leiten Informationen an unser Nervensystem weiter – beispielsweise über Druck, Spannung, Schmerz oder angenehme Berührung.

Für unser Wohlbefinden ist es wichtig, den Körper und damit auch das fasziale Gewebe durch regelmäßige Bewegung, Dehnung und bewusste Körperarbeit geschmeidig und anpassungsfähig zu halten. Im Alltag entstehen durch körperliche Belastung, Stress und emotionale Anspannung häufig erhöhte Spannungsmuster, die durch Bewegung und eine regelmäßige Yogapraxis ausgeglichen werden können.

Bleiben Spannungen über längere Zeit bestehen, kann sich die Gleitfähigkeit der verschiedenen Faszienschichten verändern. Die natürliche Anpassungsfähigkeit des Gewebes nimmt ab und es kann zu Einschränkungen in Beweglichkeit und Körpergefühl kommen. In myosential® Yoga nutzen wir gezielte Faszienarbeit, Bewegung und Achtsamkeit, um Spannungsbereiche bewusster wahrzunehmen und den Körper wieder in ein Gefühl von mehr Leichtigkeit und Balance zu begleiten.

Wirkung

Die Verbindung von Faszienarbeit und Yoga schafft eine ganzheitliche Praxis, die Körper und Geist gleichermaßen anspricht. Durch die Kombination aus Selbstmassage, Bewegung und bewusster Wahrnehmung können Spannungsbereiche im faszialen Gewebe gezielt angesprochen und die Beweglichkeit unterstützt werden.

Die Faszienarbeit regt die Wahrnehmung und Anpassungsfähigkeit des Bindegewebes an. Das Gewebe kann seine Gleitfähigkeit und Elastizität zurückgewinnen, wodurch sich ein Gefühl von mehr Raum und Leichtigkeit entwickeln kann. Viele Teilnehmer*innen berichten von einer verbesserten Körperausrichtung, einem freieren Atem und einem stabileren Gefühl im eigenen Körper.

Durch Bewegung wird außerdem der Austausch von Flüssigkeiten im Gewebe unterstützt. Dies trägt dazu bei, dass der Körper seine natürlichen Regulationsprozesse besser nutzen kann. Nach einer myosential® Yoga-Einheit fühlen sich viele Menschen erfrischt, regeneriert und in ihrer körperlichen sowie geistigen Balance gestärkt.

myosential® Yoga eignet sich auch als Ausgleich nach einem langen Arbeitstag, nach sportlicher Belastung oder bei muskulärer Müdigkeit. Die Praxis fördert ein bewussteres Körpergefühl und kann dazu beitragen, den Körper beweglich und geschmeidig zu erhalten.

Auch im Rahmen der Rehabilitation nach Verletzungen kann eine angepasste Praxis unterstützend wirken. Nach ärztlicher Freigabe können sanfte Bewegungen und die Arbeit mit dem umliegenden Gewebe helfen, Beweglichkeit und Körperwahrnehmung Schritt für Schritt wieder aufzubauen. Dabei wird nicht die verletzte Struktur selbst behandelt, sondern der Körper in seinem natürlichen Anpassungsprozess begleitet.

“In myosential® werden Praktiken aus Myofascial Release auf die Selbstmassage übertragen.”

Ablauf einer myosential® Yoga-Einheit

Durch meine Ausbildungen in Myofascial Release und Structural Bodywork habe ich gelernt, mögliche Spannungsmuster im Körper zu erkennen und mit gezielten Techniken darauf einzuwirken.

Dieses Wissen fließt in myosential® Yoga in eine Form der Selbstmassage ein, die mit Faszienrollen und kleinen Faszienbällen praktiziert wird – auch Self Myofascial Release genannt. Dabei werden größere Muskelgruppen, wie beispielsweise der Musculus quadriceps femoris an der Vorderseite des Oberschenkels, mit der Faszienrolle großflächig bearbeitet. Kleine Faszienbälle ermöglichen hingegen eine punktuelle Anwendung, zum Beispiel am häufig verspannten Musculus trapezius im Nacken- und Rückenbereich.

Der gezielte Druck des Balls kann dabei helfen, Spannungsbereiche bewusster wahrzunehmen und zu entspannen. Nach der Anwendung entsteht häufig ein Gefühl von mehr Raum und Leichtigkeit – beispielsweise wenn das Schulterblatt entspannter zurücksinken kann.

An diesem Punkt verbindet sich die Faszienarbeit mit der Yoga-Praxis. Nachdem bestimmte Körperbereiche mit den Hilfsmitteln vorbereitet wurden, nehmen wir passende Asanas ein. Durch die vorherige Arbeit am faszialen Gewebe können sich Bewegungsräume verändern und die Körperwahrnehmung in den Positionen vertiefen.

Anders als im dynamischen Vinyasa Flow verweilen wir in myosential® Yoga länger in den Haltungen. Dadurch entsteht Zeit, die Position bewusst zu erfahren und die Verbindung zwischen Atem, Körper und Faszien zu erforschen.

Die Faszienstruktur passt sich kontinuierlich an Belastung und Bewegung an. Durch regelmäßiges Training kann das Bindegewebe belastbarer, geschmeidiger und anpassungsfähiger werden – eine wichtige Grundlage für Beweglichkeit, Stabilität und ein lebendiges Körpergefühl.

Kontraindikationen

Neben unserem myofaszialen System gibt es weitere wichtige Strukturen im Körper, wie beispielsweise das Gefäßsystem mit Arterien, Venen und Lymphbahnen.

Bei der klassischen Massage werden die Extremitäten häufig in Richtung des venösen Rückflusses – also von unten nach oben – massiert. In myosential® Yoga arbeiten wir mit den Faszienrollen hingegen in unterschiedliche Richtungen. Aus diesem Grund wird Personen mit Gefäßerkrankungen, wie beispielsweise ausgeprägten Krampfadern, empfohlen, vor der Teilnahme ärztlichen Rat einzuholen.

Auch während der Schwangerschaft und Stillzeit verändert sich das Bindegewebe: Es wird weicher, dehnbarer und passt sich den körperlichen Veränderungen an. Daher sollte vor der Teilnahme an myosential® Yoga eine Rücksprache mit einer Ärztin oder einem Arzt erfolgen. Da einige Übungen in Bauch- oder Rückenlage ausgeführt werden, kann die Praxis je nach Schwangerschaftsverlauf angepasst oder eingeschränkt werden.

Grundsätzlich ist es wichtig, während der gesamten Praxis auf die Signale des eigenen Körpers zu achten und unterschiedliche Arten von Empfindungen wahrzunehmen. Eine intensive Empfindung, die als angenehm herausfordernd erlebt wird und anschließend zu mehr Leichtigkeit führt, kann Teil der Faszienarbeit sein.

Schmerzen, die stechend, elektrisierend oder unangenehm tief empfunden werden, sollten hingegen nicht ignoriert werden. Die Praxis soll einen Raum schaffen, in dem der Körper mit Achtsamkeit und Respekt erforscht wird – mit dem Ziel, mehr Bewegungsfreiheit, Entspannung und Körperbewusstsein zu entwickeln.

Selbstregulation und Entspannung

Mein Lehrer Tom Myers bezeichnete die myofasziale Körperarbeit auch als „spacial medicine“ – ein Begriff, der für mich sehr gut beschreibt, wie durch die Arbeit mit dem Körper neue Räume entstehen können und die natürlichen Regulationsprozesse des Organismus unterstützt werden.

Durch die Verbindung von Faszienarbeit, Bewegung und bewusster Atmung wird der Körper angeregt, Spannungen wahrzunehmen und loszulassen. Die Aktivierung des Flüssigkeitsaustauschs im Gewebe und die bewusste Hydrierung nach der Praxis unterstützen dabei das allgemeine Wohlbefinden.

Am Ende jeder myosential® Yoga-Einheit führen wir die gesammelten Eindrücke und Wahrnehmungen der Praxis in eine tiefe Ruhephase. Über die Wirbelsäule und das zentrale Nervensystem entsteht eine Verbindung zu den regulierenden Prozessen unseres Körpers. Der Parasympathikus – der Teil des vegetativen Nervensystems, der mit Entspannung und Regeneration verbunden ist – wird dabei angesprochen.

In dieser Phase kann spürbar werden, wie der Körper loslässt: Muskeln entspannen sich, der Atem wird ruhiger und die Schwerkraft darf wieder bewusst erfahren werden. Der Geist kommt zur Ruhe und es entsteht ein Zustand tiefer Erholung und Verbundenheit von Körper und Geist.

Teilnahmevoraussetzungen

Für die Teilnahme an myosential® Yoga sind keine besonderen Vorkenntnisse erforderlich. Die Klasse eignet sich sowohl für Yoga-Anfänger*innen als auch für Fortgeschrittene.

Einsteiger*innen erhalten ausreichend Zeit, die Asanas kennenzulernen, ihre Ausrichtung zu erforschen und ein bewusstes Körpergefühl für die Positionen zu entwickeln. Fortgeschrittene können ihre Praxis vertiefen, ihre Technik verfeinern und neue Impulse für ihre Körperwahrnehmung erhalten.

Props

Für die Faszienarbeit werden Faszienrollen und kleine Faszienbälle beziehungsweise Tennisbälle verwendet. Diese Hilfsmittel sind einfach in den Alltag zu integrieren, sodass viele der Übungen auch zuhause selbstständig praktiziert werden können.

Zurück
Zurück

Vinyasa Yoga – zwischen Kraft und Leichtigkeit